Filmkomponistin Annette Focks überzeugte durch ihre offene, ehrliche Art
Am vorvergangenen Dienstag (18. März) hatten wir die besondere Gelegenheit, die renommierte Filmkomponistin Annette Focks in unserem Musikkurs der Stufe 12 zu begrüßen. Da wir im Vorfeld den Film „Wunderschöner“ gesehen hatten, für den sie die Filmmusik komponiert hat, konnten wir gezielt Fragen zu ihrer Arbeit stellen und spannende Einblicke in ihren Beruf gewinnen.
Wie entsteht Filmmusik? Focks erklärte uns, dass sie ihre Arbeit meistens mit dem Drehbuch beginnt. Dieses dient ihr als Grundlage für erste musikalische Ideen. Anschließend arbeitet sie eng mit dem Regisseur und dem Schnitt-Team zusammen, um herauszufinden, welche Musik am besten zur Stimmung des Films passt. Dabei wird viel experimentiert – Musikstücke werden ausprobiert, verworfen oder angepasst, bis sie perfekt mit den Bildern harmonieren.
Besonders spannend fanden wir, dass sie einzelne Filmszenen oft als sogenannte Quicktimes ins Studio bekommt. Diese kurzen Videoclips helfen ihr, die Musik synchron zu den Bildern zu komponieren. In den meisten Fällen entsteht die Musik also erst nach dem Film. Es gibt jedoch Ausnahmen: Bei einem schwedischen Film, an dem sie gearbeitet hat, wurde die Musik zuerst komponiert und die Szenen dann extra dazu gedreht.

Während unseres Gesprächs wurde schnell klar, dass die Arbeit als Filmkomponistin mit viel Zeitdruck verbunden ist. Focks hat in der Regel nur ein bis zwei Monate Zeit, um die komplette Musik für einen Film zu komponieren. Manchmal sogar noch weniger, wenn ein Film aufgrund von Konkurrenz schneller veröffentlicht werden muss. Besonders, wenn der Schnitt länger dauert als geplant, bleibt ihr oft nur wenig Zeit, um alles rechtzeitig fertigzustellen.
Eine der spannendsten Erkenntnisse für uns war Focks’ Herangehensweise an Filmmusik. Sie mag es nicht, wenn Musik jeden einzelnen Moment im Film überbetont – ein Stil, der als Mickey Mousing bekannt ist. Viel lieber komponiert sie Musik, die unterschwellig wirkt, Emotionen verstärkt, ohne aufdringlich zu sein. „Musik, die man nicht bewusst wahrnimmt, aber die trotzdem etwas mit einem macht“ – so beschreibt sie ihre bevorzugte Art der Komposition. Diese subtile Art der „unsichtbaren Manipulation“ fasziniert sie besonders.

Eine Frage, die uns besonders interessierte, war die nach der Verwendung des Songs „Stand by Me“ in „Wunderschöner“ – und warum es sich dabei um eine Cover-Version handelt. Focks erklärte, dass sie für die Auswahl und Lizenzierung von Songs nicht zuständig ist. Diese Aufgabe übernimmt der sogenannte Music Supervisor, der die Rechte für bestimmte Lieder erwerben muss. Doch nicht alle Songs sind käuflich – wenn die Originalversion nicht verwendet werden kann, werden Musiker engagiert, um eine eigene Interpretation des Liedes zu erstellen.
Annette Focks berichtete sehr ehrlich über die Unsicherheiten ihres Berufs. Sie hatte nie einen Agenten – entweder werde sie angerufen oder nicht. Es hat lange gedauert, bis sie sich in der Filmbranche etablieren konnte. Und auch heute gibt es Phasen, in denen keine Anfragen kommen. Ihr Erfolgsrezept? Einen guten Job machen. Denn in der Filmwelt spricht sich Qualität herum – Regisseure und Produzenten empfehlen Komponisten untereinander weiter. Auf die Frage nach Konkurrenzdruck antwortete sie, dass sie sich nicht mit anderen vergleicht. Stattdessen betrachtet sie sich wie einen Kletterer, der für sich selbst klettert, ohne sich nach den Leistungen der anderen zu richten. Dennoch gehören Selbstzweifel für sie zum Leben dazu: „Ich habe immer das Gefühl, ich kann viel zu wenig. Aber so what? Ich kann ja auch nicht alles können.“
Natürlich wollten wir auch wissen, bei welchen Filmen ihr die Arbeit am meisten Spaß gemacht hat. Ihre Antwort war überraschend: „Mir haben unendlich viele Filme Spaß gemacht. Vielleicht mal 1 % nicht.“ Besonders gerne erinnert sie sich an ihre Arbeit für die Filme „Ostwind“ und „Krabat“.
Focks selbst spielt mehrere Instrumente, darunter Orgel, Klavier und Trompete. Beim Komponieren nutzt sie meist einen Flügel und schreibt die Noten mit der Hand auf – eine sehr traditionelle Arbeitsweise, die ihr hilft, sich kreativ auszudrücken.
Der Besuch von Annette Focks war für uns eine inspirierende Erfahrung. Wir haben nicht nur viel über Filmmusik gelernt, sondern auch darüber, wie wichtig es ist, seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht von Zweifeln oder Konkurrenzdruck entmutigen zu lassen. Ihre Leidenschaft für Musik und ihre offene, ehrliche Art haben uns tief beeindruckt – und wer weiß, vielleicht hat sie ja sogar den einen oder anderen von uns dazu motiviert, sich selbst einmal an der Filmmusik zu versuchen.
Text: Eva Völk; Fotos: Tobias Bako, Stefan Roters.